Kröte, mutterliebe

Die Diagnose

Unser zweites Wunder begann irgendwann im Januar 2015 mit einem positivem Schwangerschaftstest. Die Freude war riesig. Wir wünschten uns so sehr einen kleinen Bruder oder kleine Schwester für unseren Mukkel.

Die Schwangerschaft war insgesamt unkompliziert und einfach. So einfach wie es eben mit einem 2-jährigen Wirbelwind im Haushalt und mit Teilzeitjob eben ist.

Nach einer rasanten Geburt – fast wäre unser Baby im Rettungswagen geboren – war er endlich da. Mein wunderschönes, zartes, rosiges, winziges Baby. Ich war wieder so beeindruckt über das Wunder, dass mein Körper geschaffen hatte. Auch wenn es das zweite Mal war, es ist für mich wie Zauberei.

Wir kuschelten gleich von Anfang an und ich werde niemals seinen Duft und dieses kleine, süße, zerknautschte Gesicht vergessen. Und diese großen Augen. Ich hatte das zweite Mal in meinem Leben das wunderschönste Baby der Welt in meinem Arm.

Die Kröte wurde nachts um 04:37 Uhr geboren. Als unser Mukkel ausgeschlafen hatte, kam er uns im Krankenhaus besuchen und bestaunte seinen kleinen Bruder. Unser Glück war perfekt.

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Am 3 Tag wurden wir planmäßig aus dem Krankenhaus entlassen. Zuhause war zum Glück der Mann in Elternzeit, so konnten wir uns in Ruhe neu sortieren. Wir sind jetzt 4! Wooohoo!

Eines Tages bekam unsere Kröte furchtbaren Husten. Ich hatte so sehr Angst als ich sah, wie dieses kleine Menschlein hustete und nach Luft rang. Wir fuhren in die Notaufnahme ins Krankenhaus. Dort war ein sehr aufmerksamer Arzt, der mir ungewohnt viele Fragen stellte und unsere Kröte sehr genau untersuchte. Er sagte, dass wir einen Pseudokrupp-Anfall erlebt hatten und klärte uns weiter auf.

Einigermaßen beruhigt fuhren wir nach Hause. Der Husten war zu einem normalen Husten geworden und unserem Baby ging es viel besser als noch in der Nacht.

Ein paar Tage später waren wir zur Nachkontrolle bei unserem Kinderarzt. Dort hatte eine neue Ärztin angefangen. Auch sie war sehr nett und besah sich unser Kind ganz genau von allen Seiten. Sie war zufrieden mit dem Heilungsverlauf und wir gingen froh nach Hause. Zwei Wochen später sollten wir nochmal wiederkommen.

Das taten wir auch. Ins Sprechzimmer kam dann unser ursprünglicher Kinderarzt. Er hörte die Kröte auch nochmal ab, wirkte aber irgendwie so befangen und etwas nervös. So hatten wir ihn bisher noch nicht erlebt. Ich war verunsichert und sorgte mich langsam. Da fragte er mich, ob uns was an unserem Kind aufgefallen wäre. Ich verneinte. Er meinte, er wäre von einem Kollegen angesprochen worden (es kann nur der Arzt vom Notdienst gewesen sein), dass die Kröte eine schräge Lidachse hätte. Das könnte nun viel bedeuten oder auch nichts. Wenn ich wollte, könnte ich das abklären lassen. Dann hätte ich Gewissheit. Von Minute zu Minute wurde ich verwirrter und verstand nicht. War jetzt etwas mit unserem Kind nicht in Ordnung oder was hieß das jetzt? Ich bekam eine Überweisung für einen Humangenetiker in die Hand „Verdacht auf Syndrom“ und wir waren entlassen.

An den Weg nach Hause erinnere ich mich nicht mehr. Ich nahm Zuhause mein bezauberndes Baby aus der Babyschale und sah ihn an. Ich konnte nichts erkennen. Er war wunderschön, wie immer. Es passte so gar nicht zu den furchtbaren Horrorbildern in meinem Kopf. Google zu diesem Thema zu befragen, stellte sich als nicht besonders hilfreich da. Die nächsten Tage war ich wie betäubt und weinte mehr als jemals zuvor in meinem Leben. Irgendwann konnte ich mich soweit zusammen reißen, dass ich eine Klinik anrief, um diesen Gentest durchzuführen. Egal was dabei raus kam, ich brauchte Gewissheit. Es dauerte quälende 7 Wochen bis zum Termin und noch weitere 3,5 Wochen bis zu dem Anruf:

Freie Trisomie 21. Ihr Kind hat Down Syndrom.

Bäm. Hatte ich mich bis zu dem Anruf gefasst und war wieder ganz im Alltag angekommen, warf mich dieser wieder zurück. Ich legte auf und heulte wieder. Und wieder und wieder.

Wir haben in beiden Schwangerschaften keine pränatalen Tests durchführen lassen. Ganz bewusst. Abtreibungen und vor allem Spätabtreibungen waren kein Thema. Wir wollten was wir bekamen. Deshalb war ich auch von diesem Schmerz so überrascht. Da lag mein wundervolles, perfektes Baby. Unendlich geliebt. Und doch war es nicht mehr das selbe Baby. Und ich war so verwirrt. Ich hatte nichts verloren und doch war da diese Trauer. Und sie war groß. Ich fühlte mich so zerrissen. Ich hatte plötzlich so viele Sorgen, so viele Ängste, so viele Schuldgefühle.

Und dann sah ich meine kleine Kröte an. Der bei Blickkontakt strahlte, kleine Spuckeblasen machte und vor sich hin quasselte. Er war ein so großer Trost. Er war meine Rettung. Mein Halt. Gerade 6 Monate und schon ein Held. Meine große Liebe. Mein Herz. Und so.

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Das alles ist jetzt fast 1 Jahr her. Mittlerweile bin ich dankbar, dass wir so spät von seiner Besonderheit erfahren haben. Wir kannten uns bis dahin schon so gut, dass unsere Bindung, unsere Beziehung keine Risse bekommen konnte. Er war und ist ein absolutes Wunschkind. Wundervoll. Wertvoll. Und unendlich geliebt. Von seinem großen Bruder, seinen Eltern und Großeltern. Von seiner Tante und vielen mehr. Er ist wunderbar, ein fast immer gut gelauntes strahlendes Baby. Er schläft gut, verzeiht Fehler schnell, ist geduldig und wunderbar. Sagte ich schon, wie wunderbar dieser kleine Junge ist? Er ist eine Bereicherung, ein Geschenk. Und ich bin so dankbar, aus ganzem Herzen.

Trotzdem weine ich manchmal noch. Aus Angst, ihn nicht stark genug machen zu können. Für diese Welt, die so grausam und ungerecht sein kann.

4 thoughts on “Die Diagnose”

  1. Ich wundere mich immer, dass es manchmal so lange dauert, bis einer sich traut den Verdacht zu äußern. Ich hatte ja selbst die Ärzte bei der Geburt damit geschockt, weil ich an meinem Kind nur das Down Syndrom sah und nichts anderes, nicht ihre Schönheit, oder Zerbrechlichkeit, vielleicht hätten uns ein paar „normale“ Wochen am Anfang gut getan. Da sie aber auch zu früh war hätte das eh nicht geklappt, doch jede Geschichte ist anders und wichtig ist, dass es am Ende einfach gut und schön ist und das ist es auch bei uns.
    Ich freue mich schon auf deinen nächsten Post.

    Gefällt 1 Person

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