Kröte, Mukkel

Der Elefant

„You are the moon. All this time. And he was always there for you to make you shine.“   „He was the sun?“   „No, honey, he was the darkness.“

Oft kann ich nicht abschalten. Mitten in einem schönen Moment – ich sehe deinen Bruder und dich um die Wette krabbeln und euer Lachen bezaubert mich – gibt es einen Stich in mein Herz. Da ist es wieder, wie ein Elefant im Raum, den man zwar nicht sieht, aber immer wieder dagegen stößt. Mein Elefant heißt Down Syndrom. Und all die Sorgen und Ängste die damit verbunden sind.

Natürlich weiß niemand, wie die Zukunft für einen bereithält. Trotzdem mache ich mir um den Mukkel einfach nicht so viele Gedanken. Er ist ein toller Junge, fast 4 Jahre alt. So selbstständig schon, besitzt einen großen Wortschatz, ist klug, willensstark und bezaubernd. Natürlich bin ich für ihn da, helfe ihm und informiere mich über Möglichkeiten ihn zu Unterstützen. Ich habe keine Zweifel, dass er seinen Weg gehen wird. Selbstständig, stark und mutig wie er jetzt schon ist. Dabei liebevoll und sensibel.

Auch die Kröte hat einen starken Willen. Bei „nein“ wird gebockt und auch wenn er noch den Baby-Niedlichkeits-Bonus besitzt, sehe ich schon so manche heiße Diskussion mit ihm vorher. Er ist so kuschelig und geduldig. Er ist ein Genießer. Ob beim Essen oder gestreichelt werden, manchmal schließt er sogar die Augen dabei und macht „hmm“. Allein daran zu denken lässt mein Herz wachsen.

Dann stoße ich gegen den Elefanten und sofort beginnt sich mein Sorgenkarussell zu drehen. Wird er es schwerer haben als andere? Wird er mit einem Stempel durch das Leben gehen müssen? War es ein Fehler, ihn testen zu lassen? Hätten wir es einfach auf sich beruhen lassen sollen und hoffen, dass er weiter so fit bleibt und seine vermeintlichen Defizite als „normale Entwicklungsverzögerung“ deklariert werden?

Ich ahnte nicht, wie sehr ich an Normvorstellungen gebunden war. Bei anderen Menschen bin ich immer viel toleranter als bei mir selbst.

Gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gewissen. Wieso kann ich meinen Mukkel so nehmen, so sehr lieben, wie er ist. Ich will kein kleines Haar an ihm ändern (na gut, so gegen Abend wäre etwas weniger Willensstärke ganz reizvoll). Bei unserer kleinen Kröte denke ich dagegen oft wie es wäre, wenn er ohne dieses Extra Chromosom geboren wäre. Zeugt es nicht davon, dass ich ihm keine gute Mutter bin? Warum will ich etwas ändern, an diesem Kind, dass von seiner Andersartigkeit keine Ahnung hat und fast immer fröhlich und zufrieden ist? Warum ist meine Liebe zu Mukkel riesengroß und bedingungslos? Warum ist sie bei der Kröte ebenfalls riesengroß, aber fast immer verbunden mit einem kleinen Stich ins Herz?

Ein wenig habe ich mich an dieses Gefühl gewöhnt. Ich hoffe, wünsche, brauche, dass es so sehr verblasst, dass es irgendwann nur noch eine Ahnung, ein dumpfes Gefühl gibt, dass irgendwann mal etwas war. Denn ich muss stark sein. Um ihn stark, glücklich und selbstbewusst zu machen. Das ist schließlich mein Job.

Ziel ist, zwei wunderbare, starke, selbstbewusste und eigenständige Männer zu schaffen. Jeder von ihnen ist einzigartig, wundervoll und wertvoll. Die zwei Teile meines Herzens.

Zum Glück zeigt  mir der Mukkel fast täglich, was wirklich wichtig ist. Es ist die Kröte. Mit Down Syndrom. Ohne gibt es ihn nicht. Und wir wollen ihn, alle sind wir verrückt nach ihm. Und dank seines großen Bruders ist er das meist geküsste Kind, das ich kenne.

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