Alltagsallerlei, Kröte, mutterliebe

Unsicherheit

Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil. – Albert Einstein

Gestern war ein guter Tag. Mit erfreulicher Post. Die Kröte hat einen Platz im Spielkreis zugesagt bekommen. Darüber freue ich mich sehr. Der Mukkel war auch schon dort und ihm hat es sehr gut gefallen und war die perfekte Vorbereitung auf den Kindergarten.

Hm. Nur hab ich bei der Anmeldung nicht angegeben, dass Kröte Down Syndrom hat. Ich glaube, zum Zeitpunkt der Anmeldung wussten wir noch gar nichts davon. Hätte ich das tun müssen? Oder muss ich das jetzt schnellstmöglich nachholen? Er soll nicht als integratives Kind dort hin. Sondern als ein Regelkind. Das halt etwas langsamer ist. Aber das waren im Mukkels Jahr auch mindestens 2 Kinder. Aber diese haben eben keine Diagnose. Die sind einfach nur „entwicklungsverzögert“. Es fand auch Frühförderung in den Räumlichkeiten statt. Theoretisch dürfte es also keine Probleme geben.
Sollte ich jetzt etwas tun? Muss ich jetzt etwas tun? Und was, wenn sie ihn dann nicht mehr aufnehmen wollen? Dürfen sie ihn überhaupt ablehnen? Bis gestern Mittag hab ich mich noch gefreut, am Abend dreht sich das Sorgenkarussell.

Dabei weiß ich gar nicht, warum ich so unsicher bin. Nie hat irgendjemand Kröte ausgeschlossen. Wir haben keinen einzigen dummen Spruch gehört. Im Gegenteil. Wo wir mit der Kröte aufschlagen, er wickelt alle in kürzester Zeit um seine Fingerchen. Eine der Erzieherinnen dort hat ein schwerst behindertes Kind. Also, woher diese Sorgen und Ängste? Ich müsste doch total entspannt sein. Das Gleichbehandlungsgesetz ist auch auf meiner Seite. In der Einrichtung, die diesen Spielkreis durchführt, nehmen wir schon seit vor Mukkels Geburt regelmäßig an Kursen teil und sind somit bekannt. Im Grunde stehen alle Zeichen auf grün.

Aaaaber:  Ich höre so viele Dinge. So viele Kinder, die wegen ihres Extra-Chromosoms ausgeschlossen, nicht akzeptiert werden. Es soll Ärzte geben, die diese Kinder abweisen. Lehrer, die sie nicht unterrichten wollen. Andere Menschen, die diese Kinder und deren Eltern beschimpfen. Tja, und dann die traurige Zahl von 90 % der abgetriebenen Babys.
Sind wir etwa die große Ausnahme?

Es ist ja bekannt, dass sich schlechte Nachrichten schneller verbreiten als Gute. Sie lösen auch viel stärkere Gefühle aus. Bleiben so natürlich auch länger im Gedächtnis. Es gibt viel mehr Reaktionen. Empörte, ärgerliche, wütende.
Eine Gute Nachricht wird freudig aufgenommen, abgenickt und vergesesen. Da gibts selten Aufregung.

Liegt es also an mir? Bin ich diejenige, die ihre negativen Gedanken auf Situationen münzt, die gar nicht existieren? Aus Unsicherheit, aus Angst? Das war schon immer mein Problem. Auch schon lange vor den Kindern. Meine Antennen, meine Gefühle, sind wie ein Seismograf. Das auch mal Fehlmessungen hat. Klar.

Vielleicht bin ich auch selbst voller Vorurteile, voller vorgefertigten Meinungen und kann deswegen nicht klar sehen? Woher kommt diese Sorge, jemand könnte unser Kind (und uns Eltern) so verletzen indem man ihn abweist? Produziere ich diesen negativen Bullshit selbst?

Ich möchte Kröte nicht die Chance nehmen, sich zu integrieren und von anderen Kindern seines Alters zu lernen. Ich möchte ihn natürlich auch nicht überfordern. Aber ebenso wenig unterfordern. Also müssen wir es ausprobieren. Sollte es zu viel für ihn sein, kann ich ihn jederzeit raus nehmen. Aber da wir einen dieser begehrten Plätze haben, möchte ich ihn auch nutzen.

Was würdet oder habt ihr getan? Soll ich das Down Syndrom jetzt noch nachträglich angeben? Oder erst während der ersten Elterngespräche erwähnen? Sagen möchte ich es schon. Es ist kein Geheimnis! Es soll aber auch kein Hindernis sein… Ich tue mich gerade sehr schwer, helft mir! Die Diagnose ist am 23.03.2017 ein Jahr her.

Entspannt bin ich offensichtlich noch immer nicht.

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12 thoughts on “Unsicherheit”

  1. Ich würd gar nix sagen. Wieso solltest du jedem sagen müssen dass er was besonderes ist. Das merken die doch eh wenn er die alle um den Finger wickelt.❤😉
    Jedes Kind darf doch zu so einem Spielkreis.
    Und er ist ein Kind wie jedes andere auch👍😊

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  2. Guten morgen,
    Ich würde nichts vorher extra sagen. Sondern selbstbewusst zum ersten Treffen hingehen. Er ist entwicklungsverzögert,nur mit einer diagnose. Und soweit ich es aus deinen Blog erfahren habe,hat er keine gesundheitlichen einschränkungen.
    Und wenn jemand fragt,dann kann man es sagen….
    Ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen. Ging mir ähnlich und geht mir heute auch noch oft so. Ich habe wie du zwei jungs,mein grosser wird demnächst 9 Jahre alt und mein kleiner Sohn mit DS ist 4 Jahre alt. Ich bemühe mich in letzter zeit,ihn als normalen jungen zu sehen und nicht vordergründig die Diagnose. Daher habe ich dir auch dazu geraten,selbst arbeite ich daran, genauso zu handeln. Mein Sohn hat auch keine gesundheitlichen beeinträchtigungen,nur ist er sprachlich ein echter Nachzügler.
    Liebe simona,ich verfolge erst seit kurzem deinen blog,wollte hiermit aber mal sagen,wie toll du schreibst und mein Herz berührst. Vor allem der Blogbeitrag ‚wenn‘ hat es mir echt angetan. Zu Tränen gerührt.
    Ich freue mich immer wieder von dir/euch zu lesen.
    Viele grüsse
    ulrike

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    1. Liebe Ulrike,
      genau, er ist nur (vielleicht) das langsamste Kind. Einerseits will ich es nicht sagen, da ich ihn nicht auf das DS reduzieren will, andererseits will ich natürlich auch nicht, dass jemand denkt ich würde mich schämen und es deshalb nicht sagen. Das ist echt nicht leicht für mich, hier den richtigen Weg zu finden. Aber dein Vorschlag hat mir beim Lesen gut gefallen und ich hab sogar genickt dabei. Mein erstes Gefühl war ja auch so, hingehen und es im Elterngespräch beiläufig erwähnen. Danke!

      Weißt du, unsere Kinder sind ganz normal. Und auch besonders. Ich kenne ein Kind, dass hat mit über 3 noch nicht ein Wort sprechen können. Die Kinder unserer Ärztin auch nicht. Also, ganz normal. Und doch besonders. Ein anderes Kind das ich kenne ist 2 und läuft noch nicht. Auch ohne Diagnose. Ist halt so. Normal und doch besonders. Ich habe bis heute noch nicht verstanden, was genau am Down Syndrom so schlimm ist? Vielleicht sind das auch nur Mama-Scheuklappen.

      Ich danke dir für dein tolles Kompliment ❤

      Alles Liebe und Gute für dich und deine 2 besonderen Jungs,
      Simona

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  3. Warum hast Du Angst, das wird toll. Ich habe mit Jolina all diese „normalen“ Babysachen gemacht soweit es mir die Zeit erlaubte. Ich war mit ihr auch im PEkip und übte mich dort in Coolnes. Bei der Vorstellungsrunde meinte ich dann „Und wie ihr vielleicht schon vermutet hat Jolina das Down Syndrom.“ Mehr sagte ich nicht. Manche waren scheu und nach der zeit kamen sie immer neugieriger auf mich zu als sie sahen, dass es für mich normal ist, also warum sollte es für sie „unnormal“ sein.
    Spielkreis war bei uns gar kein Thema, ich habe den ja mit geleitet, habe in der Schwangerschaft und den ersten Wochen nach der Geburt pausiert und dann Jolina einfach mitgenommen.
    Die anderen mütter wussten ja was los ist 😉 und die kinder, es war wundervoll anzusehen.
    In solchen Kleinkindrunden hast du immer wilde, kleine Unruhestifter, die bei keinem Fingerspiel Bock haben und lieber im Hintergrund toben und es gibt ruhige Kinder. Jolina konnte ganz lange nicht mal sitzen, sie lag viel einfach nur auf dem Teppich und beobachtete, dann kam immer abwechselnd ein Kind zu ihr (ganz unaufgefordert) reichte ihr ein Spielzeug und blieb ruhig bei ihr sitzen, auch die ganz wilden Jungs, wurden zart, streichelten sie und es war einfach das normalste der welt, dass da ein Kind ist, das nicht so kann wie sie und trotzdem dazu gehört.

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    1. Liebe Martina,
      ich weiß auch nicht, wovor ich Angst hab. Pekip (heißt hier Delfi) hab ich auch gemacht und es lief super. Da hab ich das DS allerdings auch nicht extra erwähnt, so wie in der Eltern-Kind-Gruppe auch nicht. In Gesprächen wurde es dann mal Thema oder auch nicht.
      Vielleicht ist es jetzt anders, weil er im Spielkreis ohne mich ist? Ich bin immer gerne informiert und plane alles. Daher bin ich immer unsicher, wenn was nicht planen oder beeinflussen kann…
      Ich muss wohl an mir arbeiten.
      Ich danke dir und hoffe, dass du Recht hast und alles gut wird!
      Liebe Grüße
      Simona

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  4. Ich habe einen riesigen Respekt vor Euch allen!
    Ihr macht das so gut – ich meine, so zusammen zu stehen und Euch Kraft und Zuspruch zu schenken!
    Ich habe lange mit besonderen Kindern gearbeitet (als Krankenpfleger) und kenne in Ansätzen diese Gefühle. Wenn ich mit meinen Kindern und meinem Pflegekind unterwegs war – meine Tochter saß dann meistens auf dem Rollstuhl meines Pflegekindes – da schauten die Leute auch schon mal…entsetzt, würde ich sagen.

    Aber nun mal zu Deiner Situation.
    Ich würde im Moment auch nicht sofort sagen, dass er das DS hat.
    Er ist ein Junge, der spielen, lernen und sich entwickeln möchte. Die anderen Kinder haben auch ihre Besonderheiten, die nicht alle sofort auf den Tisch ausgebreitet und problematisiert werden.
    Das wird toll!

    Danke, für Deine Offenheit und Dein Vertrauen in Deine Leserschaft.

    Alles Gute!

    Lucas

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    1. Hallo Lucas!

      Ich freue mich, dass auch du mich in meinem Gefühl bestärkst.
      Manchmal hilft es, meine Gedanken aufzuschreiben. Dafür muss ich sie wenigstens etwas sortieren und ich verrenne mich nicht so. Deinen Dank gebe ich daher herzlich zurück – ohne die (An-)Teilnahme und eurer Feedback wäre der Blog nicht halb so wertvoll.

      Liebe Grüße
      Simona

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  5. Liebe Simona,

    aus eigener Erfahrung würde ich, wie alle anderen auch schon geschrieben haben, nichts vorher sagen. Einerseits könnte man dann direkt den dicken Stempel auf die Stirn gedrückt bekommen, bevor sich irgendwer erstmal ein eigenes Bild machen kann, und andererseits: bleib so tiefherzig und selbstbewusst und authentisch wie Du hier auch schreibst.
    Es gibt kein Problem, Dein Kind ist und bleibt ein tolles Kind, nämlich Deins (!), da muss man nichts erklären, da muss man sich nicht erklären – und schon gar nicht Dein Kind. Und falls das jemand anders sehen sollte, dann kann man sehr gut und gerne auf denjenigen verzichten.
    😉
    Zumindest ist das meine Erfahrung.

    Gute Nacht euch!

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    1. Liebe Susanne,

      ich hab, auch dank eurer Kommentare und Tipps, letzte Nacht beschlossen, es genauso zu machen. Ich melde mein wunderbares Kind an, wie ich auch schon mein großes wunderbares Kind dort angemeldet habe. Und erkläre nichts. Wenn wir auf seine Besonderheit zu sprechen kommen ist es gut, wenn nicht dann ist es auch gut.
      Ein eigenes Bild – genau das wünsche ich mir für mein Kind. Du hast es getroffen.
      Danke!

      Alles Liebe
      Simona

      Gefällt 1 Person

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