Kröte, mutterliebe

Harte Worte

Angeregt durch den ein oder anderen kritischen Kommentar hier und da möchte ich gerne einmal ausführlich Stellung zu diesem Blog nehmen.

Mir ist schon bewusst, dass es andere Meinungen gibt. Mir ist auch bewusst, dass es Menschen gibt, die sich für einen Abbruch entschieden haben und durch meine Worte getriggert fühlen.

Es liegt mir absolut fern jemanden zu verurteilen. Dennoch habe ich meine Meinung, mein Gefühl, das laut und brennend zu mir spricht, dass es, als Mutter eines Kindes mit Down Syndrom, meine Pflicht ist aufzuklären.

Das versuche ich ohne erhobenem Zeigefinger zu tun. Offenbar gelingt es mir nicht immer. Nun frage ich mich, wie ich aufklären soll ohne das Kind beim Namen zu nennen. Dabei mäßige ich meine Worte schon sehr. Aber was soll ich sagen, eine Spätabtreibung ist eine Spätabtreibung. Der Arzt schnippt nicht nur kurz mit dem Finger und das Kind im Bauch löst sich in Luft auf. Es ist nunmal Fakt, dass es durch ein Spritze in den Bauch getötet wird. (Und bei diesem Gedanken sehe ich immer wieder ein Video vor meinem Inneren Auge. Klar und deutlich. Ein Baby, vermeintlich sicher im Bauch seiner Mutter, bemerkt diese Kanüle und greift mit seinen winzigen Händen danach und versuch sie wegzuschieben. Ich werde es hier nicht verlinken, da ich es unter keinen Umständen nochmal sehen möchte. Ich könnte jetzt schon wieder in einem Meer aus Tränen versinken, wenn ich daran denke.) Nachdem dies getan ist, werden die Wehen bei der Schwangeren ausgelöst. Sie muss dieses Kind gebären. Wenn es Glück hat, kommt das Baby tot zur Welt. Ansonsten wird es zum sterben zur Seite gelegt. Allein.
Das zerreist mein Herz. Und das kann man wohl auch zwischen den Zeilen lesen oder auch deutlich spüren.

Warum wird ein Abbruch immer als 1. Alternative genannt? Warum gibt es nicht erstmal Trost und Zuspruch? Warum gibt es keine Telefonnummer von einer Selbsthilfegruppe? Zumindest unsere wäre sofort da und würde bei einem ungezwungen Treffen zeigen, wie Kinder mit dem Extra Dings sind: fröhlich und voller Lebensfreude. Die Eltern sitzen nicht da und ringen Taschentücher haltend um Fassung. Es werden spezifische Fragen besprochen, aber auch ganz Alltägliches, Urlaube, Ausflüge, Empfehlung.  Es gibt Kaffee und mindestens Kekse, meistens Kuchen.

Vielleicht wiederhole ich mich, aber der Umgang mit werdenden Eltern ist in meinen Augen ein Problem. Das Wunschkind wird in etwas verwandelt, das man unmöglich haben wollen kann. Krank, Außenseiter, Klotz am Bein, nicht liebenswert. Behindert eben.

Ich kann mich nicht erinnern, schlecht über Menschen geschrieben zu haben, die diese Entscheidung getroffen haben. Zwar heiße ich es nicht gut, verstehe es nicht und hinterfrage daher einiges.
Als erwachsene Person kann ich jede Entscheidung treffen, die ich will. Zum Glück. Mir muss dann aber einfach auch klar sein, dass es Konsequenzen geben kann. Aktion und Reaktion. Und es gibt immer auch Menschen, die es eben anders sehen als man selbst.

Dazu kommen Fehldiagnosen von Ärzten. Gerade habe ich von einer Bekannten folgendes gehört:
Das Baby ihrer Nichte hatte laut Ultraschall keine ausgebildete Lungenflügel. Die Ärzte bestätigten ihr, dass das Kind keine Lebenschance hatte und rieten zum Abbruch. Diese Eltern wollten und konnten nicht entscheiden, wann ihr Kind stirbt. Einige Wochen später gab es bei einem anderen Arzt einen weiteren Ultraschall. Dieser sagte, dass der linke Lungenflügel deutlich sichtbar wäre! Wie das nun sein kann, weiß niemand so genau. Fakt ist, dieses Kind, ein Mädchen, ist heute 6 Jahre und kerngesund.

Das ist keine riesengroße Ausnahme. Solche falschen Diagnosen passieren viel öfter als man glaubt. Man spricht halt nicht darüber. Die obigen Eltern haben meinen größten Respekt. Eine wahnsinnig mutige und starke Entscheidung, die sie damals getroffen haben.

Wir haben uns bei beiden Schwangerschaften um eine Entscheidung gedrückt und alle pränatalen Untersuchungen abgelehnt. Wir haben darauf vertraut, dass alles gut wird. Und das ist es. Gut. 

Als große Ungerechtigkeit empfinde ich auch diese Unterschiede, die gemacht werden. Es gibt Kinder mit Down Syndrom, die zum Teil sehr schwere Begleiterkrankungen haben wie z. B. Herzfehler. Es gibt aber genug Kinder mit Down Syndrom, die topfit sind. Genauso gibt es Kinder ohne Down Syndrom, die Herzfehler haben. Oder eine Hirnschädigung, die vor, während oder nach der Geburt entstanden ist. Diesen Kindern spricht zum Glück niemand das Recht auf Leben ab.

Als Mutter und auch noch als Mutter eines Kindes mit Down Syndrom kann ich einfach nicht neutral und gefühlslos darüber schreiben. Es steht jedem frei, diesen Blog zu lesen. Oder auch nicht.

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4 thoughts on “Harte Worte”

  1. Ich bin natürlich ganz bei dir. Ich empfinde eine Abtreibung eines Kindes mit Down Syndrom aus nicht schwerwiegenden Gründen, die es natürlich gibt, immer auch ein bisschen als Beleidigung gegen mein Kind. „So was“ hätten diese Leute also auf keinen Fall gewollt, also empfinden die das Leben eines Kindes mit Down Syndrom als so minderwertig, dass man es schnell mal tötet und auf den Müll wirft. Machen wir uns lieber ein anderes, tolles Baby… Nein, diese Menschen ohne richtigen Gründe haben bei mir leider auch verschissen.
    Ich habe allerdings demnächst etwas im Blog, das auch nicht ganz easy ist, denn am Ende ist nicht alles schwarz oder weiß, aber leider das meiste, dann doch

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Martina,
      du wirst ihn mit Bedacht ausgewählt haben und ich bin schon gespannt darauf, ihn zu lesen.

      Und: Happy Birthday!! Ich hoffe, du hattest einen wundervollen Tag voller liebe Menschen, kalorinreichem Essen und Geschenken 🍀❤

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  2. Es ist richtig und gut so,was und wie du schreibst. Zum Thema Abtreibung empfinde ich genauso wie du. Ich wünschte,ich könnte auch zur Aufklärung beitragen. Oder eine werdene mutter,die ein Kind mit Down Syndrom erwartet,ruft mich an und ich könnte sie überzeugen,wie schön das leben mit einem besonderen Kind sein kann.
    Ich bin froh,das von dir beschriebene Video noch nicht gesehen zu haben. Die Vorstellung davon macht mich schon traurig.
    Mach weiter so!
    LG ulrike

    Gefällt 1 Person

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