Alltagsallerlei, Gedankenkarussell, Kröte, Mukkel, mutterliebe

Seit ich ein Kind hab

Hat sich viel in meinem Leben verändert.

Ich spüre eine Art von Liebe, die schwer zu beschreiben ist. Bedingungslos, groß und stark. Die wächst täglich, mit jeder Umarmung, jedem Lächeln wie ein unendliches Puzzle.

Seit ich ein Kind hab trage ich kaum noch hohe Schuhe. Vor allem, seitdem ich laufende Kinder habe.

Seit ich ein Kind hab, gibt es Ängste in mir. Bei dem Gedanken, meinem Kind würde etwas schlimmes zustoßen schnürt sich mein Magen zu, könnte ich sofort in Tränen ausbrechen.

Seit ich ein Kind habe, war ich nicht mehr allein auf dem Klo.

Seit ich ein Kind hab, fühle ich mich ernster genommen. Erwachsener, respektierter.

Seit ich ein Kind habe, kann ich es nicht mal mehr ertragen, wenn ich im Film oder Serie sehe, wie einem Kind etwas zustößt. Und das passiert mir, einem eingefleischten Horrorfilmfan. Hmpf. Weichgekocht durch kleine Jungs.

Seit ich ein Kind hab, bin ich stärker und selbstbewusster. Ich reflektiere mich häufiger selbst.

Seit ich zwei Kinder geboren habe, weiß ich endgültig zu was mein Körper in der Lage ist. Er hält unglaubliche Schmerzen aus, findet Kraft, wo eigentlich keine mehr ist und treibt sich selbst an, bis über die Grenzen der totalen Erschöpfung. Und in der nächsten Minute, nach einem Blick auf dieses winzige, schrumpelig, wunderschönste Wesen seit Menschengedenken, nach stundenlangen heftigsten Wehen, lässt er mich ein solches Glücksgefühl, eine solche Erleichterung und Freude fühlen, wie es mit Sicherheit keine Droge kann.

Seit ich ein behindertes Kind habe, wachse ich über mich hinaus.

Seit ich ein behindertes Kind habe, erzählen mir Freunde und auch flüchtige Bekannte Familiengeheimnisse. Fast wie Quid pro quo. Ich sage „mein Kind hat Down Syndrom“, im Gegenzug kommen die verschiedensten Geständnisse: Alkoholsucht, Krankheiten oder Behinderungen von der Person oder dem nahen Umfeld zum Beispiel.

Warum ist das so? Fühlen sich meine Gesprächspartner in einer Art Zugzwang? Oder ist es tatsächlich so, dass jeder Mensch, ohne Ausnahme, sein Päckchen zu tragen hat? Und ich bin eine super Gelegenheit darüber zu reden?

Diese „Geheimnisse“ sind für die Personen sehr gewichtig. Es fällt ihnen oft schwer, darüber zu reden.  Ich, als Betroffene, bin da aber wohl eine geeignete Gesprächspartnerin. Irgendwie verbunden. Die vermeintlich perfekte Welt des Gegenüber ist es doch nicht, da kann ich mich also auch öffnen und zugeben, dass auch meine heile Welt nicht so ganz heil ist.

Aber, sind psychische Erkrankungen mit einem angeborenem Gendefekt vergleichbar? Immerhin ist das eine therapierbar, das andere nicht.

Ist es wirklich so dramatisch, einen Transgender in der Familie zu haben? Kommt es nicht auf den Menschen an? Und dieser Mensch hat doch die gleiche Persönlichkeit, ob nun mit Bart oder ohne.

Sind das Vertrauensbeweise oder eine schräge Art des übertrumpfen-wollens?

Wäre es nicht leichter, wenn man immer offen über seine „Besonderheiten“ bespricht? Bemerkt man dann vielleicht sogar, das man gar nicht so besonders ist? Nur höchstens anders als der Gegenüber.

Seit dem ich ein Kind habe, bin ich nicht mehr nur Frau, Ehefrau, Berufstätige, Tochter, Schwester, Freundin und Ehrenamtlerin.

Seit dem ich ein Kind hab, seit dem ich zwei wundervolle, perfekte und besondere Kinder habe, ist meine Meinung einigen Menschen wichtiger als sie es vorher war. Ich scheine erwachsen geworden zu sein, vertrauenswürdig und das Down Syndrom meines Sohnes qualifiziert mich als eine Art Beichtmutter.

Es ist nicht die Last, die dich bricht, es ist die Art wie du sie trägst.

Lasst uns offener sein. Lässt uns mehr reden. Lasst die Sorgen hinaus, sprecht sie laut aus damit sie ihren bösen Zauber verlieren! Und wenn ihr mich aussucht um darüber zu reden höre ich gerne zu. Ohne zu verurteilen, aber auch ohne zu vergleichen.

Perfekt ist nicht wichtig, glücklich sein schon!

Wie sind unsere eigenen Teufel, wir vertreiben uns ständig selbst aus dem Paradies.
Johann Wolfgang von Goethe

Eingestaubt

6 thoughts on “Seit ich ein Kind hab”

  1. Das geht und ging mir ähnlich – Arbeitskolleginnen berichteten plötzlich von ihren Fehlgeburten, Bekannte von den Problemen mit ihren Kindern oder Krankheiten in der Familie. Ich hatte immer das Gefühl, dass viele Leute denken: „Ah, sie hat ein Kind mit Downsyndrom. Bei ihr ist also auch nicht alles perfekt.“ – und dadurch dann die Hemmschwelle sinkt, von ihren eigenen „Unperfektionen“ (oder was sie dafür halten) zu erzählen.

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  2. „There ist no need to be perfect to inspire orthers. Let others get inspired by how you deal with your inperfections. “

    Ich mag wirklich sehr gerne, was du so schreibst! Liebe Grüße!

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  3. Liebe Simona!
    Ich lese schon seit einiger Zeit still deine Texte und du beschreibst die Dinge wirklich sehr treffend!
    Früher haben mir Leute zwar auch ihr Herz geöffnet, aber seit mein Sohn (auch mit Down-Syndrom) da ist, passiert es noch viel schneller und man ist viel näher dran.
    Als gäbe es einen geheimen Club in dem man vorher einfach noch kein Mitglied war!
    Liebe Grüße von Lisa

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  4. Ich musste gerade echt lachen. Ich bin so wie du, seit ich Kinder habe kann ich auch nicht mehr Filme sehen in denen Kinder etwas passiert. Auch ich bin/war ein eingefleischter Horrorfilm Liebhaber. Jetzt sortiere ich im Vorfeld aus. Besuch mich doch mal. Ich würde mich freuen LG Emily

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