Alltagsglück, Gedankenkarussell, Glücksmomente, Kröte, mutterliebe, Schönes, Wünsche

Das Gute sehen

Manchmal sehe ich Eltern eine Traurigkeit an. Weil ihre Kinder etwas noch nicht so gut können, wie andere Kinder.  Oder weil sie ebenso eine Besonderheit wie Kröte haben. Sie empfinden ihr Kind als nicht vollwertig, als „fehlerhaft“. Sie lieben es trotzdem, zweifelsohne. Doch manchmal ist die Traurigkeit nicht bloß zwischen den Zeilen zu lesen sondern ganz offensichtlich. Gerade erst habe ich es bei einer Mutter gefühlt. Es tat mir so leid. Für sie, ihr Kind und ihren Mann. Doch diese Traurigkeit, so bin ich überzeugt, schadet der Eltern-Kind-Beziehung und dem Urvertrauen, das Kinder in ihre Eltern haben. Wenn man ständig  (unterbewusst) suggeriert bekommt, dass etwas zu schwer ist, nicht erreichbar oder man selbst nicht gut genug ist, wie soll man dann frei und voller Selbstvertrauen aufwachsen?
Wenn ich schon gespürt habe, dass die Eltern in dieser Blase von Traurigkeit stecken, dann spürt es das Kind erst recht. Es ist zwar erst 1 Jahr alt, doch bin ich mir sicher, dass sich Gefühle und Stimmungen auf Kinder jeden Alters übertragen. Ich bezweifle keine Sekunde, dass auch eben dieses Kind geliebt wird. Es spürt es auch sicher, doch es wird auch spüren, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Zumindest in den Augen seiner Eltern und vielleicht noch weiteren Menschen? Ohne etwas unterstellen zu wollen, bin ich, einfach aus meinem Bauch heraus, sicher, dass diese tiefe Traurigkeit das Kind verunsichert und vielleicht so seine vermeintlichen Defizite noch verstärkt. Ich wollte so gerne helfen, aber außer gutes Zureden, war mir nicht mehr möglich.

Das Gute sehen. Das versuche ich so oft ich kann. Es ist nicht immer leicht, manchmal dauert es auch einige Zeit bis man es erkennt, aber im den meisten Fällen klappt es. Ich war noch nie für Schwarzmalerei, trotzdem habe ich mich schon oft in meinem „Unglück“ gesuhlt und mich regelrecht daran berauscht. Bis ich (meist von mir selbst) einen hilfreichen Tritt in den Arsch bekam.
Das Gute, das Schöne zu sehen, gelingt mir bei meinen Söhnen am allerbesten. Ich bin Hals über Kopf in sie verliebt und himmle sie einfach an. Auch, vielleicht sogar gerade, wegen des schwierigen letzten Jahres aufgrund der Diagnose mit Trisomie 21. Zugegeben, das hat mein Glück und meine Himmelei zeitweise sehr stark gedämpft. Ich war so traurig, voller Ängste und Sorgen. Das hatte viel mit dem großen Unbekannten und diesen völlig übertriebenen Bildern des Down Syndroms zu tun. Was kommt auf mich zu? Vor allem auf die Kröte. Wie reagieren andere Menschen darauf? Wird wirklich alles so anders? Ist unser Leben quasi vorbei?
Doch dann schaute ich auf mein Kind, auf diesen winzigen, zuckersüßen Jungen. Mein Herz hüpfe. Sah ich weg, zogen wieder dunkle Wolken auf. Ich stand lange gefährlich nahe an dem Rand dieses berühmt-berüchtigten schwarzen Lochs. Mein Retter, mein Held war ein knapp 6 Monate altes Baby. Dafür bin ich ihm ewig dankbar.

Seitdem hat sich viel geändert in mir. Wie dieses Bewusstsein für das Gute.
Wenn ich die Kröte anschaue, dann bin ich voller Stolz und Glück. Er ist kerngesund, fröhlich, lebenslustig und glücklich. Warum sollte ich es dann nicht sein?
Er ist 22 Monate und könnte schon problemlos sprechen. Er tut es aber noch nicht. Er lautiert viel und energisch. Aber außer seinem „da“ in vielen Tonlagen und Betonungen sagt er keine richtigen Worte. Nun könnte ich traurig sein, da er nicht mal bewusst Mama sagt. Ich freue mich aber lieber darüber, dass er mich strahlend anschaut oder mit seinem Finger „da!“ rufend auf mich zeigt, wenn jemand fragt: „Wo ist Mama?“
Wenn der Kater morgens vor der Tür steht läuft er sofort hin und will ihn herein lassen. Anschließend laufen beide gemeinsam in die Küche und Kröte geht zu dem Schrank, in dem wir das Futter aufbewahren. Sodann nimmt er eine Tüte heraus und versucht sie in die Futterschale zu füllen.
Natürlich bekommt er weder die abgeschlossene Tür als die verschweißte Tüte Katzenfutter auf. Ich freue mich aber sehr darüber, dass er verstanden hat, dass der Kater morgens kurz vor dem Hungertod steht und sofort herein und was zu futtern kredenzt  bekommen muss. Sonst gibt es ein oscarreifes  Drama. Katzenbesitzer hörten davon.
Er nennt den Namen seines Bruders nicht, aber die Unruhe, bei seiner Erwähnung und das Blitzen in den Augen, wenn Mukkel dann kommt ist zum niederknien schön.
Wenn wir Bücher anschauen, dann kann er keine der Figuren benennen. Ich höre und freue mich aber, wenn er bei Fahrzeugen deutlich „brrrrr“ macht.
Türme bauen, Becher stapeln, den Mund mit Löffel oder Gabel treffen klappt super.
Ja, er könnte sicherer gehen. Er plumpst noch häufig um. Aber er ist so ehrgeizig und versucht es unermüdlich. Das macht mich stolz! Er klettert wahnsinnig gerne. Um so höher umso besser. Oh meine Nerven! Auch wenn er bisher immer „um Hilfe gerufen“ hat wenn er sich überschätzt hat.
Mir sagt das alles, Kröte ist ein pfiffiges, fröhliches Kind. Und ich werde mich weiter an das Gute halten. Denn das ist immer da, überall. Man muss nur seine Augen für das Glück, das Schöne, das Gute öffnen! Mal fällt es schwer. Mal leicht. Aber es ist immer da. Ich weiß das jetzt.

10 thoughts on “Das Gute sehen”

  1. Vielen lieben Dank für diese Einblicke. Das Gute im Vordergrund zu sehen und Probleme, Schwierigkeiten oder Herausforderungen trotzdem benennen und auch fühlen zu können, ist wichtig, sonst wird es nichts mit glücklich sein.

    Bewahre dir deinen gewonnenen Blick!

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo, ich lese gern deinen Blog.
    Ich möchte zu deinem Beitrag nur etwas anmerken. DU bist in einer besonderen Situation. Du konntest, im Gegensatz zu vielen anderen Eltern mit Kindern mit Behinderung, eine ganz normale Bindung zu deinem Sohn aufbauen, ehe du von seiner Behinderung erfahren hast. Ich glaube, dass du da einen RIESENvorsprung hast. Zumal dein Sohn ja auch unglaublich fit ist.

    LG

    Gefällt mir

    1. Hallo Steffi!
      Die Zeit während des Verdachts und dann der Diagnose war die härteste Zeit meines Lebens. Es war viel echte Trauerarbeit nötig und es war auch wirklich so, dass ich Abschied von meinem Kind nehmen musste um das „neue Kind“ zu akzeptieren. Es war eine furchtbare und verwirrende Zeit. Von außen war auch nicht so viel Unterstützung da, es war eben eine besondere Situation und eine schwer zu verstehende. Denn faktisch hatte sich nichts geändert. Ich denke nicht gerne daran zurück.

      Kröte ist sehr fit und auch dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Trotz allem überkommt mich immer wieder eben diese Traurigkeit über die ich schrieb. Und die kann ich nur überwinden, indem ich mich an Schönes klammere.

      Ich wollte niemandem zu Nahe treten, nur erzählen, wie ich empfinde.

      Alles Liebe,
      Simona

      Gefällt mir

      1. Oja, die besondere Situation kennen wir auch.
        Ich hab nur miterlebt, dass, wenn die Behinderung nicht sofort festgestellt wird, die Bindung zum Kind „leichter“ ist. Aber kann natürlich auch nicht alle über einen Kamm scheren.
        Vielleicht hab ich mich auch tatsächlich angegriffen gefühlt, weil ich schon sehr oft mit den Defiziten hadere, obwohl ich es nicht will.

        LG

        Gefällt mir

      2. Hey, alles ist gut. Unsere Kinder machen uns gleichzeitig stärker und verletzlicher. Wir geben alle unser Bestes und unsere Kinder wissen das.

        Von Herzen alles Gute für euch!
        Simona

        Gefällt mir

  3. Wieder sehr schön geschrieben! Ich denke, diese Traurigkeit kennt jeder, der die Diagnose Down Syndrom erhält, ob früher oder später. Bei uns wurde es in der Schwangerschaft vermutet, wir haben es nicht testen lassen und haben dann erst ca. anderthalb Wochen nach der Geburt Gewissheit. Man muss lernen damit umzugehen und es anzunehmen
    . Das ist und dauert wahrscheinlich bei jedem etwas anders. Wir sind auch wahnsinnig stolz auf jeden kleinen Fortschritt, mein Herz geht auf, wenn ich sehe wie mein Sohn sich freuen kann über klitzekleine Kleinigkeiten oder er lacht aus vollem Herzen und ich weiss gar nicht warum ❤️
    Das Gute zu sehen ist wichtig und es gibt so viel Gutes bei unseren Kindern.
    Was mich manchmal zurückwirft sind Arztbesuche oder SPZ-Termine… da wird von „professioneller“ Seite meiner Ansicht nach zu sehr auf die Defizite fokussiert, geschaut, was er alles nicht kann, verglichen, in Tabellen geschaut. Hab das SPZ auch deswegen gewechselt und fühl mich nun viel besser aufgehoben.

    Gefällt mir

    1. Hallo!
      Danke für deine lieben Worte.
      Kröte ist in einer Gemeinschaftspraxis. Der Arzt konzentriert sich auch auf die „Defizite“, die Ärztin nicht. Wir gehen zur Ärztin 😉
      Ich wünschte, alle Menschen hätten einige Eigenschaften unserer Kids. Die Welt wäre besser!
      Alles Liebe und Gute für euch,
      Simona

      Gefällt mir

    2. Ja,ich habe gerade erst wieder die Erfahrung mit meinem SPZ gemacht. Warum muss mir die Physiotherapeutin mitteilen,auf welchem stand mein Sohn motorisch vom Alter her ist. Ich habe nicht danach gefragt und es interessiert mich nicht. Ich kann es selbst erkennen. Aber wahrscheinlich können die Leute dort nicht anders,als nur nach den Defiziten schauen und vergleichen. Auch ich habe mich entschlossen das SPZ zu wechseln. Die letzten 4 3/4 Jahre zurückblickend gab es kaum momente,wo das SPZ hilfreich war bzw. Mut gemacht hat. Vielleicht kurz nach der geburt.
      Vg ulrike

      Gefällt mir

      1. Hallo Ulrike,

        wir waren kürzlich das 1. Mal im SPZ, die Ärztin war sehr nett. Auf den Bericht warten wir noch. Nachdem ich eure Erfahrungen lese bin ich gespannt, was für einen Schlag Arzt wir getroffen haben. (Physio und Logo machen wir ja woanders)
        Euch wünsche ich mehr Glück bei den neuen Therapeuten/Ärzten.

        Alles Liebe
        Simona

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s