Alltagsallerlei, Alltagsglück, Gedankenkarussell, Kröte

Herzenöffner

Eines Tages fuhr ich mit der Kröte zum Arzt. Am Abend zuvor bekam er so schlimmen Husten, mit jedem Atemzug fiel es ihm schwerer Luft zu holen. Eiligst sind wir dann ins Krankenhaus gefahren. Kröte bekommt ja nie nur einen Schnupfen. Obstruktive Bronchitis mit einer Sauerstoffsättigung von nur 84 (über 90 wäre gut). Er muss immer gleich übertreiben. Zum Glück reagierte er gut auf die Medikamente und wir mussten nicht über Nacht bleiben.

Am nächsten Tag fuhren wir also kurz vor Mittag in die Innenstadt zum Kinderarzt, zur Kontrolle. Ich kurvte ein paar Mal im Kreis und ergatterte dann glücklicher Weise einen Parkplatz ganz in der Nähe der Praxis. Auf dem Weg zum Parkautomaten traf ich einen älteren Herrn, der mich freundlich anlächelte. Natürlich lächelte ich zurück.
„Sie haben aber Glück gehabt mit dem Parkplatz hier um diese Zeit“, sagte er.
„Stimmt, ich bin auch froh!“ erwiderte ich.
Er nickte, immer noch lächelnd und ging langsam weiter. Ich hatte mein Parkticket gezogen und überholte den älteren Mann auf dem Weg zum Auto. Nun öffnete ich die hintere Tür und hob Kröte aus dem Autositz. Da hörte ich wieder die Stimme des Mannes:
„Hat ihr Kind das Down Syndrom?“
Etwas überrascht über die direkte Frage eines völlig Fremden sagte ich leise fragend „Ja…?“
Ein breites Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes. „Wissen Sie, ich hatte einen Bruder mit Down Syndrom. Er wurde 62 Jahre alt und ich vermisse ihn noch immer sehr. Ganz besondere Menschen sind das.“ Sein Lächeln blieb, gleichzeitig wurden seine Augen feucht. Mein Herz schmolz, ich wollte was sagen, wusste aber nicht was.
Da sprach er schon weiter: „Mein Vater, wissen Sie, der kam damals aus dem Krieg nicht wieder zurück. Nein. Meine Mutter hat meine 4 Geschwister und mich ganz alleine durch die Zeit gebracht. Es war eine schwere Zeit. Ich bin der älteste Sohn. Damals hat man Menschen wie meinen Bruder und ihren Sohn versteckt. Meine Mutter hat das nie. Sie war eine Löwin.“ Er nickte und erzählte weiter: „Ich vermisse sie auch.“

Er hielt inne. Ich war sehr bewegt, wusste aber immer noch nicht, was ich dem alten Mann sagen kann, ohne abgedroschene Phrasen zu verwenden. Ich fühlte mich hilf- und ratlos. Natürlich weiß ich vom zweiten Weltkrieg und insbesondere der furchtbaren Aktion T4 der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, und habe trotzdem, zum allergrößten Glück, keine Ahnung mit welcher Angst man leben, welches Leid man ertragen musste. Und das auch noch ohne den Vater. Ich bekam eine Gänsehaut.

Der Mann nickte immer noch, schien in Gedanken zu sein. Dann sagte er mit einem strahlenden Blick auf Kröte „Alles Gute, passen Sie gut auf sich auf.“ Lächelnd und noch immer gedankenverloren vor sich hin nickend ging er davon.

Die ganze Zeit war Kröte ganz still auf meinem Arm. In meinem Kopf flog alles durcheinander. Ich wollte noch mehr über das Leben des Mannes wissen, wollte ihn in den Arm nehmen und trösten. Wollte etwa tun, denn er hatte mein Herz geöffnet. Ganz weit. Und meine Neugierde geweckt. Ich wollte alles über seinen Bruder wissen, was war er für ein Mensch? Konnte er trotz der schwierigen Zeit lesen und schreiben? Hatte er eine Freundin?
Da brabbelte mich Kröte voll und wurde ungeduldig. Als ob er meine Gedanken lesen konnte. Wahrscheinlich dachte er sowas wie „Ich hab sein Herz geöffnet! Weil ich bin, wie ich bin, hat dieser Mann dir seine Geschichte erzählt. Ich war´s. Also drück mich!“
Während ich versuchte die zappelnde Kröte auf meinem Arm zu halten sah ich den Fremden um eine Ecke verschwinden. Die Kirchturmuhr schlug zur vollen Stunde. Unser Termin! Ich lief mit Kröte auf dem Arm zu Kinderarzt, durch das Auf und Ab in meinem Arm lachte Kröte laut und herzhaft. Ich lachte mit. Und trage eine neue, bittersüße Erinnerung in mir.
Danke Fremder. Danke Kröte!

Und, wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann einmal ein Wiedersehen.

2 Gedanken zu „Herzenöffner“

  1. Ich bin mit meinem kleinen Mädchen im siebten Monat schwanger. Sie wird mit einem Herzfehler und Down Syndrom zu Welt kommen. Und ich habe tatsächlich das Gefühl, durch sie bereits in der Schwangerschaft genau das zu erleben, was du hier schilderst: Das „offene Herz“ meines Kindes bewirkt, dass andere Menschen, denen ich von ihr erzähle, ihre Herzen auch öffnen können. Ich hatte viele Begegnungen mit Menschen die mir plötzlich ganz bewegende, intime Erlebnisse erzählt haben. Meinem Baby bin ich unendlich dankbar für diese Fähigkeit, die schon jetzt mein Leben bereichert.
    https://geliebteronja.wordpress.commm

    Alles gute euch! Eine tolle Geschichte!

    Gefällt 1 Person

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